Die Welt als Klassenzimmer

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Naturwissenschaften beginnen nicht erst mit einem Lehrbuch oder einem Experiment auf dem Labortisch. Sie beginnen mit einer Frage, mit einem Staunen oder mit einer Entdeckung.

Deshalb nutzen wir die Welt um uns herum als Klassenzimmer. Was die Natur uns schenkt, wird zum Ausgangspunkt für gemeinsames Lernen.

Der kalte Winter bot dafür ideale Voraussetzungen. Riesige Eiszapfen am Wasserfall und zugefrorene Gewässer weckten die Neugier der Kinder. Gemeinsam gingen wir der Frage nach, weshalb Wasser unter den Stoffen eine Besonderheit ist. Ausgehend von diesen Beobachtungen beschäftigten wir uns mit der Anomalie des Wassers, dem Teilchenmodell und den verschiedenen Aggregatszuständen. Beim Herstellen von Eislaternen konnten die Kinder diese Veränderungen über längere Zeit beobachten.

Ein besonderes Staunen löste ein einfaches Experiment aus: Ein Ballon, der über eine Flasche mit heissem Wasser gestülpt wurde, blähte sich wie von selbst auf. Gemeinsam fanden wir heraus, weshalb sich Luft und Wasserdampf beim Erwärmen ausdehnen. Ein Phänomen, das plötzlich nicht mehr nur erklärt, sondern unmittelbar erlebt werden konnte.

Im Anschluss tauchten wir in die Welt der Säuren und Basen ein. Mit Rotkohlsaft als natürlichem Indikator untersuchten wir verschiedene Stoffe und beobachteten ihre Farbveränderungen. Die entstandenen Lösungen nutzten wir gleich für ein kreatives Experiment und gestalteten farbenfrohe Kunstwerke im Schnee. Naturwissenschaft und Gestalten ergänzten sich dabei auf ganz natürliche Weise.

Ein weiteres Geschenk der Natur erwartete uns, als sogar bei uns Nordlichter zu sehen waren. Gemeinsam erinnerten wir uns an bereits Gelerntes über Sonne und Weltall und vertieften unser Wissen über Sonnenstürme und die Entstehung der Polarlichter. Was sonst meist nur auf Bildern zu sehen ist, wurde plötzlich direkt vor unserer Haustüre erlebbar.

Auch unsere regelmässigen Outdoortage bieten unzählige Gelegenheiten, Naturwissenschaften mit allen Sinnen zu erfahren. Da wir unterwegs jeweils gemeinsam kochen, beschäftigen wir uns ganz selbstverständlich mit saisonalen und essbaren Wildpflanzen. Wir sammelten Bärlauch und bereiteten daraus Pesto, Kräuterbutter und eine feine Bärlauch-Brennnesselsuppe zu. Essbare Blüten bereicherten unsere Mahlzeiten, Frühblüher wurden bestimmt und beobachtet, und aus duftenden Holunderblüten stellten wir sogar unsere eigene Seife her. Dabei lernten die Kinder Pflanzen sicher zu erkennen, erfuhren mehr über ihre Eigenschaften, ihre Verwendung und ihren Lebensraum und entwickelten einen achtsamen Blick für die Natur.

Die Vorfreude auf unsere Reise nach Bergamo und das anschliessende Whale Watching führte uns zudem in die faszinierende Welt der Optik. Damit wir auf dem Meer Wale und Delfine möglichst gut beobachten konnten, übten wir zunächst den Umgang mit dem Feldstecher. Dabei beschäftigten wir uns mit Linsen, Vergrösserung und dem auf dem Kopf stehenden Bild im Fernglas. Gleichzeitig sprachen wir über den sicheren Umgang mit optischen Geräten und darüber, weshalb die Sonne niemals ohne geeigneten Schutz betrachtet werden darf. Ein besonderes Erlebnis war der Blick durch ein spezielles Teleskop mit Sonnenfilter. So konnten wir gefahrlos Sonnenflecken beobachten und ein Phänomen entdecken, das sonst nur in Büchern oder auf Bildern zu sehen ist.

Ein weiteres Highlight war die Beobachtung der Schmetterlingsentwicklung. Gemeinsam sammelten wir Raupen auf Brennnesseln und richteten ihnen ein passendes Zuhause ein. Tag für Tag konnten die Kinder verfolgen, wie die Raupen frassen, wuchsen, sich verpuppten und schliesslich als wunderschöne Schmetterlinge schlüpften. Einmal durften wir Kleine Füchse, ein anderes Mal Tagpfauenaugen in die Freiheit entlassen. Nur das Eierlegen blieb unserer direkten Beobachtung verborgen und wurde gemeinsam anhand von Bildern und Modellen besprochen. Besonders die jüngeren Kinder setzten sich intensiv mit diesem faszinierenden Lebenszyklus auseinander und staunten darüber, wie aus einer unscheinbaren Raupe ein Schmetterling entsteht.

All diese Erlebnisse zeigen, wie lebendig Naturwissenschaften sein können. Kinder beobachten, vergleichen, stellen Fragen, entwickeln Vermutungen, experimentieren und überprüfen ihre Ideen. Sie erwerben Kompetenzen aus Biologie, Chemie, Physik, Geografie und Technik – oft, ohne sich bewusst zu sein, dass sie gerade verschiedene naturwissenschaftliche Disziplinen miteinander verbinden.

Vielleicht liegt genau darin eine Besonderheit unseres Unterrichts. Naturwissenschaften erscheinen bei uns nicht nur als einzelnes Fach auf dem Stundenplan. Sie begegnen den Kindern im Wald, am Wasserfall, in der Küche, auf einer Wiese, unter dem Sternenhimmel oder beim Blick durch ein Teleskop. Lernen entsteht aus dem Erleben. Aus einer Beobachtung wird eine Frage, aus der Frage ein Experiment und aus dem Experiment ein neues Verständnis der Welt.

Wenn Kinder Monate später vom Ballon erzählen, der sich wie von selbst aufblähte, von den Farben des Rotkohlsafts im Schnee, von der selbst gekochten Bärlauchsuppe, vom ersten Blick auf Sonnenflecken oder vom Schmetterling, der aus seiner Puppe schlüpfte, sprechen sie vielleicht gar nicht von «Chemie», «Physik» oder «Biologie». Sie erzählen von einem Erlebnis, das sie berührt hat. Und vielleicht ist genau das die nachhaltigste Form des Lernens: Wissen, das nicht auswendig gelernt, sondern mit eigenen Erfahrungen verknüpft wird – und deshalb lange im Herzen und im Gedächtnis bleibt.

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